Die maritime Wirtschaft ist das Herzstück der norddeutschen Regionalökonomie. Wenn sich hier das Klima wandelt, spüren das die Betriebe entlang der gesamten Küste – vom kleinen Logistiker im Hinterland bis zur Großwerft an der Förde. Die aktuelle Konjunkturumfrage der IHK Nord, dem Zusammenschluss von 13 norddeutschen Industrie- und Handelskammern, zeichnet für diesen Herbst ein vielschichtiges Bild. Es ist eine Mischung aus vorsichtigem Aufatmen im Schiffbau, einer fragilen Erholung der Reedereien und wachsender Sorge in den Häfen. Über allem schwebt die drängende Frage: Wie zukunftsfähig ist die maritime Infrastruktur der Bundesrepublik?
Schifffahrt und Schiffbau: Stabilisierung auf niedrigem Niveau
Besonders die Schifffahrt verzeichnete im Vergleich zu den schwachen Vormonaten den deutlichsten Zuwachs. Der Geschäftsklimaindex der Branche kletterte um 6,7 Zähler auf nun 82,7 Punkte. Doch der Blick auf das Vorjahr dämpft die Euphorie: Damals lag der Wert noch bei deutlich solideren 108,5 Punkten. Zwar bezeichnen derzeit rund 90 Prozent der befragten Reedereien ihre aktuelle Geschäftslage als gut oder zumindest befriedigend. Der Blick in die Zukunft ist jedoch von Skepsis geprägt: Nahezu die Hälfte der Unternehmen (47,7 Prozent) rechnet mit einer Verschlechterung der Geschäfte.
Die Gründe für diesen Pessimismus liegen vor allem jenseits der deutschen Grenzen. Das größte Risiko sehen zwei Drittel der Reedereien in der schwankenden Auslandsnachfrage. Insbesondere die unklare Zollpolitik der USA nach den jüngsten politischen Weichenstellungen sorgt für tiefe Verunsicherung in den Chefetagen. Hinzu kommen strukturelle Belastungen vor Ort: 60,4 Prozent sorgen sich um die allgemeinen wirtschaftspolitischen Bedingungen in Deutschland, gefolgt von den volatilen Energie- und Rohstoffpreisen (45,7 Prozent) und den kontinuierlich steigenden Arbeitskosten (32,2 Prozent).
Etwas robuster präsentiert sich der Schiffbau. Das dortige Konjunkturbarometer stieg leicht um 1,5 Punkte auf 96,0 Zähler und liegt damit fast zehn Punkte über dem Vorjahreswert. Über zwei Drittel der Werften sind mit der aktuellen Lage zufrieden, und stolze 96 Prozent gehen davon aus, dass sich die Situation stabilisiert oder sogar verbessert. Die größte Sorge der Schiffbauer gilt jedoch nicht den Auftragsbüchern, sondern den Rahmenbedingungen im eigenen Land: Ausnahmslos alle befragten Werften nannten die Wirtschaftspolitik als das größte Risiko für ihre Wettbewerbsfähigkeit, eng flankiert von den Arbeitskosten (79,7 Prozent).
Hafenwirtschaft: Klopfen an der Belastungsgrenze
Während Schifffahrt und Werften leicht im Plus rangieren, musste die Hafenwirtschaft als einzige Sparte leichte Einbußen hinnehmen. Der Index sank minimal um 0,5 Punkte auf 97,1 Zähler. Dass dies jammerschade ist, lässt sich so nicht sagen – immerhin ist es der höchste absolute Wert aller maritimen Teilsektoren und liegt fast 20 Punkte über dem Vorjahresniveau. Mehr als 95 Prozent der Hafenbetriebe bewerten ihre aktuelle Lage als gut oder befriedigend.
Doch die Sorgenfalten der Hafenbetreiber sind tief. Auch hier stehen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen mit 78,4 Prozent ganz oben auf der Risikoliste, gefolgt von den Arbeitskosten (73,2 Prozent) und den Energiepreisen (71,2 Prozent). Die Häfen stehen unter dem permanenten Druck, riesige Umschlagmengen bei gleichzeitig steigenden Betriebskosten abzuwickeln – und das auf einer Infrastruktur, die an vielen Stellen buchstäblich bröckelt.
Infrastruktur: Der Bund steht in der Pflicht
Für den Norden ist klar: Die Substanz der Wirtschaft steht und fällt mit der Qualität der Verkehrswege und Umschlagplätze. IHK-Nord-Vorsitzender Thomas Buhck fand bei der Vorstellung der Zahlen deutliche Worte: „Ohne intakte Kaimauern steht die Versorgungssicherheit auf dem Spiel.“ Es nützt der stärkste Konjunkturwind nichts, wenn die Schiffe an maroden Terminals festmachen müssen oder die Güter im Hinterland stecken bleiben.
Die IHK Nord stellt daher eine klare, unmissverständliche Forderung an die Bundespolitik: 15 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen des Bundes müssen mobilisiert werden, um den massiven Sanierungsstau in den deutschen Seehäfen endlich aufzulösen. Doch mit einer einmaligen Finanzspritze ist es nicht getan. Um den langfristigen Erhalt und die Modernisierung der maritimen Drehkreuze zu sichern, fordert die norddeutsche Wirtschaft eine dauerhafte Beteiligung des Bundes von mindestens 500 Millionen Euro jährlich.
Für die Unternehmen im Norden geht es dabei um weit mehr als um Beton und Baggerarbeiten. Es geht um die Zukunftsfähigkeit des gesamten Wirtschaftsstandorts Deutschland. Die maritime Wirtschaft hat bewiesen, dass sie sich auch in stürmischen Zeiten behaupten kann. Nun liegt es an der Politik, das sichere Fahrwasser für die kommenden Jahrzehnte freizumachen.

