Wenn sich die Blätter im Norden färben und die ersten Herbststürme über Elbe, Weser und Ostsee fegen, blickt die maritime Wirtschaft traditionell besonders aufmerksam auf ihre Standortdaten. Die aktuelle Herbst-Konjunkturumfrage der IHK Nord, dem Zusammenschluss von 13 norddeutschen Industrie- und Handelskammern, liefert in diesem Jahr ein vielschichtiges Bild. Für die Umfrage wurden Ende September 555 Unternehmen befragt. Das Ergebnis zeigt: Während der Schiffbau und die Schifffahrt vorsichtig aufatmen können, wächst in den Chefetagen der Hafenwirtschaft die Sorge vor einem schleichenden Substanzverlust.
Die Stimmung im Norden hat sich zwar in weiten Teilen stabilisiert, doch die globalen geopolitischen Risiken und der immense Sanierungsstau bei den Hafenbecken und Kaimauern hängen wie eine schwere Nebelwand über der gesamten Branche.
Schifffahrt: Aufwärtstrend mit angezogener Handbremse
Den deutlichsten Stimmungsaufschwung verzeichnet die Schifffahrt. Im Geschäftsklimaindex der IHK Nord, der sich auf einer Skala von 0 bis 200 Punkten bewegt, kletterte die Sparte um immerhin 6,7 Zähler auf nunmehr 82,7 Punkte. Das ist eine spürbare Erholung im Vergleich zum Frühjahr, liegt aber nach wie vor weit hinter dem Vorjahreswert von stolzen 108,5 Punkten zurück.
Die aktuelle Lage wird von rund 90 Prozent der Reedereien als gut oder zumindest befriedigend eingestuft – ein solider Ist-Zustand, der jedoch auf wackeligen Beinen steht. Denn der Blick in die Zukunft ist von tiefer Skepsis geprägt: Fast die Hälfte der Befragten (47,7 Prozent) rechnet mit einer Verschlechterung der Geschäfte in den kommenden Monaten.
Als Hauptrisiko identifizieren zwei Drittel der Reedereien die Entwicklung der Auslandsnachfrage. „Die Unsicherheit über die amerikanische Zollpolitik und ihre globalen Folgen für den Außenhandel ist nach wie vor erheblich“, betont der IHK-Nord-Vorsitzende Thomas Buhck. Neben geopolitischen Handelskonflikten belasten die heimischen Betriebe vor allem die hiesigen Rahmenbedingungen: 60,4 Prozent sorgen sich um die allgemeine Wirtschaftspolitik, gefolgt von den Energie- und Rohstoffpreisen (45,7 Prozent) sowie den anhaltend hohen Arbeitskosten (32,2 Prozent).
Schiffbau: Ausnahmslose Sorge über die Standortpolitik
Ein zarter Aufwind ist auch im norddeutschen Schiffbau zu spüren. Das Konjunkturbarometer kletterte leicht um 1,5 Punkte auf 96,0 Zähler und liegt damit fast zehn Punkte über dem Niveau des Vorjahres Herbstes. Mehr als zwei Drittel der Werften bewerten ihre aktuelle Geschäftslage positiv. Beeindruckende 96 Prozent der Betriebe gehen davon aus, dass sich diese Lage in Zukunft stabilisiert oder sogar noch verbessert.
Trotz dieser operativen Stabilität senden die Werften jedoch ein alarmierendes Signal in Richtung Berlin und die Landeshauptstädte: Ausnahmslos alle befragten Werften (100 Prozent) sehen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen als das größte Risiko für ihre Wettbewerbsfähigkeit. Es folgen die Sorgen um die Arbeitskosten (79,7 Prozent) sowie die Entwicklung der Energie- und Rohstoffpreise (53,6 Prozent). Die Botschaft der Schiffbauer ist unmissverständlich: Die Auftragsbücher mögen sich füllen, doch die bürokratischen und finanziellen Lasten am Standort Deutschland engen den Spielraum im internationalen Wettbewerb massiv ein.
Hafenwirtschaft: Hohes Niveau, aber die Basis bröckelt
Als einziger Sektor musste die Hafenwirtschaft im Vergleich zum Frühjahr leichte Einbußen hinnehmen. Der Geschäftsklimaindex sank minimal um 0,5 Punkte auf 97,1 Zähler. Dennoch behaupten die Häfen damit den Spitzenplatz unter den maritimen Teilbranchen und liegen fast 20 Punkte über ihrem Vorjahresergebnis. Weit über 95 Prozent der Hafenbetriebe beurteilen ihre gegenwärtige Lage als gut oder befriedigend, und knapp 80 Prozent erwarten eine stabile Fortführung.
Doch die scheinbar solide Fassade täuscht über die strukturellen Probleme hinweg. Ähnlich wie im Schiffbau bereiten den Hafenbetrieben vor allem die wirtschaftspolitischen Bedingungen Kopfzerbrechen (78,4 Prozent). Dahinter folgen die Arbeitskosten (73,2 Prozent), die Energiepreise (71,2 Prozent) sowie die Sorge vor einer einbrechenden Auslandsnachfrage (70,6 Prozent).
Ein klarer Weckruf nach Berlin
Besonders die Infrastruktur wird zum Nadelöhr der norddeutschen Wirtschaftskraft. Thomas Buhck findet hierzu deutliche Worte: „Ohne intakte Kaimauern steht die Versorgungssicherheit auf dem Spiel.“ Der Sanierungsbedarf in den Seehäfen ist längst kein regionales Luxusproblem mehr, sondern eine nationale Herausforderung.
Die IHK Nord stellt sich daher geschlossen hinter die Forderung, insgesamt 15 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen des Bundes bereitzustellen, um den massiven Sanierungsstau in den Häfen endlich abzuarbeiten. „Zusätzlich braucht es eine dauerhafte Beteiligung des Bundes von mindestens 500 Millionen Euro jährlich, um die maritime Infrastruktur langfristig zu sichern“, so Buhck weiter.
Für den Norden und seine Betriebe ist klar: Die maritime Wirtschaft zeigt sich trotz schwerer See widerstandsfähig und anpassungsfähig. Doch ohne verlässliche politische Rahmenbedingungen und gezielte Investitionen in die Hafeninfrastruktur droht Deutschland, den Anschluss im globalen Seehandel dauerhaft zu verlieren. Die Politik ist nun am Zug, den Kurs für einen starken maritimen Standort neu zu justieren.

