Freitag, 23. Oktober 2026

Maritime Wirtschaft

Maritimes Stimmungsbild im Norden: Werften und Reeder atmen auf, doch die Infrastruktur bröckelt

Obwohl sich die Stimmung im norddeutschen Schiffbau und in der Schifffahrt leicht verbessert hat, sorgen geopolitische Unsicherheiten und marode Hafeninfrastrukturen für tiefe Sorgenfalten bei den Unternehmen. Die IHK Nord fordert nun dringende Milliardeninvestitionen vom Bund, um die Zukunftsfähigkeit der regionalen Wirtschaft zu sichern.

Frauke Meyer

Von Frauke Meyer

Frauke Meyer ist unsere Expertin für den norddeutschen Mittelstand und ländliche Wirtschaftsräume. Sie analysiert leidenschaftlich gerne, wie der Strukturwandel traditionelle Betriebe prägt. · · 3 Min.

Maritimes Stimmungsbild im Norden: Werften und Reeder atmen auf, doch die Infrastruktur bröckelt
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Die maritime Wirtschaft in Norddeutschland zeigt im Herbst ein zweigeteiltes Bild: Während sich die Stimmung im Schiffbau und in der Schifffahrt spürbar aufgehellt hat, gerät die Hafenwirtschaft leicht ins Stocken. Das geht aus der aktuellen Konjunkturumfrage der IHK Nord hervor, die das Stimmungsbild von 555 Unternehmen zwischen Emden und Sassnitz abbildet. Trotz solider Geschäfte in der Gegenwart blicken viele Betriebe mit Sorge in die Zukunft. Insbesondere der marode Zustand der Infrastruktur an den Kaikanten und die weltpolitischen Unsicherheiten belasten die Aussichten der regionalen Leitbranche schwer.

Schifffahrt und Schiffbau stabilisieren sich

Den stärksten Stimmungsaufschwung verzeichnet die Schifffahrt. Der Geschäftsklimaindex dieser Sparte kletterte um 6,7 Zähler auf nunmehr 82,7 Punkte. Damit liegt der Wert zwar immer noch deutlich unter dem Niveau des Vorjahres (108,5 Punkte), doch die aktuelle Geschäftslage wird von rund 90 Prozent der Reedereien als gut oder befriedigend bewertet. Der Wermutstropfen: Fast die Hälfte der Befragten (47,7 Prozent) rechnet mit einer Eintrübung der Geschäfte in den kommenden Monaten. Als größtes Risiko identifizieren zwei Drittel der Reedereien die Auslandsnachfrage – insbesondere die unvorhersehbare US-Zollpolitik bereitet den Akteuren Kopfzerbrechen. Weitere Risiken sehen die Betriebe in den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen allgemein sowie den anhaltend hohen Energie- und Arbeitskosten.

Auch der Schiffbau zeigt sich stabiler. Das Konjunkturbarometer stieg leicht um 1,5 auf 96,0 Punkte und liegt damit fast zehn Zähler über dem Vorjahreswert. Mehr als zwei Drittel der Werften bewerten ihre aktuelle Lage positiv, und fast alle gehen davon aus, dass die Geschäfte auf diesem Niveau bleiben oder sich weiter verbessern. Was jedoch aufhorchen lässt: Ausnahmslos alle befragten Werftbetriebe sehen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen als das größte Risiko für ihre Geschäftsentwicklung, dicht gefolgt von steigenden Arbeitskosten (79,7 Prozent) und volatilen Energiepreisen.

Häfen auf hohem Niveau leicht ausgebremst

Im Gegensatz zu Reedern und Schiffbauern musste die Hafenwirtschaft im Herbst leichte Einbußen hinnehmen. Der Geschäftsklimaindex sank minimal um 0,5 auf 97,1 Punkte. Dennoch behaupten die Häfen damit das höchste Niveau aller maritimen Teilsektoren und liegen fast 20 Punkte über dem Vorjahreswert. Über 95 Prozent der Hafenbetriebe zeigen sich mit der aktuellen Lage zufrieden.

Doch auch hier trüben strukturelle Risiken den Ausblick. Ähnlich wie im Schiffbau bereiten die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen (78,4 Prozent) und die Arbeitskosten (73,2 Prozent) den Hafenbetreibern große Sorgen. Zudem belasten die hohen Energie- und Rohstoffpreise (71,2 Prozent) sowie die schwankende Auslandsnachfrage die Wettbewerbsfähigkeit der norddeutschen Umschlagplätze im internationalen Vergleich.

Infrastruktur im Fokus: Milliardenforderungen an Berlin

Die Ergebnisse der Umfrage verdeutlichen, dass der Erfolg der maritimen Wirtschaft nicht allein von vollen Auftragsbüchern abhängt, sondern maßgeblich von der staatlichen Infrastruktur getragen wird. Die IHK Nord schlägt deshalb Alarm. Thomas Buhck, Vorsitzender der IHK Nord, fand deutliche Worte für den Zustand der heimischen Häfen: "Ohne intakte Kaimauern steht die Versorgungssicherheit auf dem Spiel."

Die Kammervertretung unterstützt nachdrücklich die Forderung der norddeutschen Küstenländer nach einem Sondervermögen des Bundes in Höhe von 15 Milliarden Euro, um den massiven Sanierungsstau in den Häfen aufzulösen. Darüber hinaus fordert die regionale Wirtschaft eine dauerhafte finanzielle Beteiligung des Bundes von mindestens 500 Millionen Euro jährlich. Nur so könne die maritime Infrastruktur als Lebensader der deutschen Exportwirtschaft langfristig gesichert werden.

Kommentar: Investieren statt abwarten

Die Zahlen der IHK Nord senden eine klare Botschaft nach Berlin: Die maritime Wirtschaft im Norden funktioniert, sie liefert und sie trotzt den geopolitischen Stürmen. Doch sie tut dies zunehmend auf Verschleiß. Wenn die Bundesregierung die Häfen und Werften weiterhin als reine Selbstläufer betrachtet und die überfälligen Investitionen in Kaimauern, Zufahrten und Digitalisierung verschleppt, riskiert sie die fundamentale Wettbewerbsfähigkeit unseres Standorts.

Unsere regionalen Unternehmen brauchen jetzt verlässliche wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen und keine Lippenbekenntnisse mehr. Ein maritimes Sondervermögen ist kein Geschenk an den Norden – es ist eine überfällige Investition in die wirtschaftliche Souveränität und die Versorgungssicherheit der gesamten Bundesrepublik.

Eigenständig verfasst von der NDM-Redaktion. Recherchegrundlage: WELT. Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.

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