Die Entscheidung der mecklenburg-vorpommerschen Landesregierung, die Sondermüll-Deponie Ihlenberg im Landkreis Nordwestmecklenburg Ende 2035 für hochbelastete Abfälle zu schließen, schlägt hohe Wellen in der norddeutschen Wirtschaft. Während die Politik im Schweriner Schloss auf ein Ende der jahrzehntelangen Einlagerung drängt, formiert sich in den norddeutschen Bundesländern geschlossener Widerstand aus der Unternehmerlandschaft. Die Sorge vor einem drohenden Entsorgungsnotstand ist groß – und sie ist ökonomisch wie logistisch begründet.
Ein logistisches und finanzielles Dilemma für den Norden
Für die Industrie im gesamten Norden ist die Deponie Ihlenberg ein unverzichtbarer Pfeiler der Infrastruktur. Jährlich werden dort zwischen 300.000 und 400.000 Tonnen teils giftiger Sondermüll – sogenannte DK-III-Abfälle – sicher eingelagert. Dabei handelt es sich um Rückstände, die bei komplexen industriellen Prozessen, der Bodensanierung oder auch bei Infrastrukturprojekten anfallen.
Sollte diese Kapazität ab 2036 ersatzlos wegfallen, stünden Hunderte Unternehmen vor einem massiven Problem. Ohne eine regionale Entsorgungsmöglichkeit müssten diese sensiblen Abfälle über weite Strecken in südliche oder westliche Bundesländer transportiert werden. Dies bedeutet nicht nur einen enormen logistischen Aufwand und eine erhebliche Belastung der ohnehin strapazierten Verkehrswege, sondern auch eine signifikante Erhöhung der Betriebskosten für die heimische Industrie. Ökologisch wäre dieser CO2-intensive Ferntourismus für Giftmüll ohnehin kaum vermittelbar.
Die Warnung der Entsorger: Planungszeiträume komplett unterschätzt
Die Entsorgungsgemeinschaft (EG) Nord, ein starkes Bündnis aus mehr als 100 Abfallwirtschaftsbetrieben in Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, schlägt nun lautstark Alarm. EG-Nord-Geschäftsführer Thomas Prenzer warnt eindringlich vor den Folgen eines überstürzten Ausstiegs. Ein wesentliches Argument der Entsorger ist die Zeitkomponente: Bis in Norddeutschland eine neue, vergleichbare DK-III-Deponie geplant, genehmigt und betriebsbereit gebaut werden könnte, vergehen nach realistischen Branchenschätzungen mindestens 15 Jahre.
Da bisher keinerlei konkrete Planungen für einen Ersatzstandort im Norden existieren, läuft die Wirtschaft sehenden Auges in eine gefährliche Lücke. Ausweichoptionen in anderen Bundesländern sind zudem rar gesät. Ein neuer Deponiestandort in Berlin/Brandenburg ist beispielsweise für den norddeutschen Markt keine Option, da dort vertraglich geregelt ist, dass ausschließlich Abfälle aus den beiden beteiligten Ländern aufgenommen werden. Zudem ist völlig unklar, ob südliche Bundesländer überhaupt bereit wären, ihre eigenen, sorgsam gehüteten Deponiekapazitäten für Abfälle aus dem Norden zu opfern.
Politischer Kurs gegen ökonomische Vernunft?
Aus dem Schweriner Umweltministerium unter Till Backhaus (SPD) klingen die Töne derweil unverändert. „Jetzt sind andere Bundesländer dran“, hieß es unlängst aus dem Ministerium mit Verweis auf einen Kabinettsbeschluss aus dem Jahr 2019. Doch dieser politische Standpunkt stößt in der Praxis auf Unverständnis. Die Deponie Ihlenberg gilt als eine der modernsten und sichersten Anlagen ihrer Art in ganz Europa. Vor diesem Hintergrund stellt die EG Nord eine berechtigte Frage: Warum sollte eine funktionierende, hochmoderne Infrastruktur mutwillig aufgegeben werden, nur um an anderer Stelle unter enormen gesellschaftlichen und finanziellen Widerständen ein neues Großprojekt realisieren zu müssen?
Zudem ist der Weiterbetrieb auch für das Land Mecklenburg-Vorpommern selbst ein lohnendes Geschäft. Der Landeshaushalt profitiert direkt von den Mülleinlagerungen. Auch für die kommenden Jahre kalkuliert das Land mit jährlichen Gewinnen von rund vier Millionen Euro durch den Deponiebetrieb. Geld, das dringend benötigt wird – nicht zuletzt für die spätere Nachsorge und Renaturierung des Geländes. Ein vorzeitiges Aus für die lukrativen DK-III-Abfälle reißt somit auch ein Loch in die Landeskasse.
Fazit: Es braucht einen norddeutschen Pragmatismus
Die Pläne zur Schließung der Deponie Ihlenberg zeigen einmal mehr das Spannungsfeld zwischen regionaler Landespolitik und den realen Bedürfnissen einer vernetzten Wirtschaft. In einer Zeit, in der der Industriestandort Deutschland ohnehin unter hohem Kostendruck steht, darf die Entsorgungssicherheit nicht aufs Spiel gesetzt werden. Häfen, Werften, die chemische Industrie und das Baugewerbe im Norden sind auf verlässliche, kurze Wege angewiesen.
Die Landesregierung in Schwerin ist gut beraten, den Beschluss von 2019 noch einmal ergebnisoffen zu überdenken und den Dialog mit den Nachbarländern und der regionalen Wirtschaft zu suchen. Ein stures Beharren auf dem Schließungsdatum 2035 ohne ein tragfähiges, länderübergreifendes Alternativkonzept wäre ein schwerer Schlag für die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten norddeutschen Wirtschaftsraums.

