Freitag, 16. Oktober 2026

Maritime Wirtschaft

Sorgen trotz stabiler Lage: Maritimer Wirtschaft im Norden droht der Infrastruktur-Kollaps

Obwohl Schiffbau und Schifffahrt im Norden einen leichten Aufwind spüren, trübt sich die Stimmung in den Häfen ein. Die IHK Nord warnt angesichts maroder Infrastruktur vor massiven Risiken und fordert 15 Milliarden Euro vom Bund.

Hauke Paulsen

Von Hauke Paulsen

Hauke Paulsen berichtet seit über einem Jahrzehnt über die Entwicklung der norddeutschen Seehäfen und die maritime Wirtschaft. Er hat ein besonderes Auge für die Digitalisierung der Logistikketten. · · 3 Min.

Sorgen trotz stabiler Lage: Maritimer Wirtschaft im Norden droht der Infrastruktur-Kollaps
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Die maritime Wirtschaft in Norddeutschland zeigt sich im Herbst widerstandsfähig, blickt jedoch mit wachsender Sorge auf die Rahmenbedingungen. Während sich die Stimmung im Schiffbau und in der Schifffahrt leicht verbessert hat, trübt sich das Klima in den Häfen minimal ein. Das geht aus der aktuellen Konjunkturumfrage der IHK Nord hervor, für die Ende September 555 norddeutsche Unternehmen befragt wurden. Trotz einer soliden aktuellen Geschäftslage belasten geopolitische Unsicherheiten, steigende Kosten und ein massiver Sanierungsstau bei der Hafeninfrastruktur die Zukunftsaussichten der Schlüsselbranche.

Schifffahrt und Schiffbau: Erholung auf wackeligem Fundament

Den deutlichsten Stimmungsaufschwung verzeichnet die Schifffahrt. Der Geschäftsklimaindex der Branche kletterte um 6,7 Punkte auf nun 82,7 Zähler. Dennoch bleibt dieser Wert weit hinter dem Vorjahresniveau von 108,5 Punkten zurück. Zwar bewerten rund 90 Prozent der Reedereien ihre aktuelle Lage als gut oder befriedigend, doch der Blick nach vorn ist von Pessimismus geprägt: Fast die Hälfte (47,7 Prozent) der Unternehmen rechnet mit einer Verschlechterung der Geschäfte in den kommenden Monaten.

Als Hauptrisiko gilt hierbei die schwächelnde Auslandsnachfrage, die von zwei Dritteln der Reedereien genannt wird. Thomas Buhck, Vorsitzender der IHK Nord, verweist in diesem Zusammenhang auf die anhaltende Unsicherheit über die künftige US-Zollpolitik und deren globale Auswirkungen auf den Welthandel. Neben der Außenwirtschaft bereiten den Reedern auch die inländischen Rahmenbedingungen Kopfschmerzen: 60,4 Prozent sehen die allgemeinen wirtschaftlichen Bedingungen als Risiko, gefolgt von hohen Energie- und Rohstoffpreisen (45,7 Prozent) sowie steigenden Arbeitskosten (32,2 Prozent).

Ein ähnliches Bild zeichnet sich im Schiffbau ab. Hier legte das Konjunkturbarometer um 1,5 Punkte auf 96,0 Zähler zu und liegt damit fast zehn Punkte über dem Vorjahreswert. Über zwei Drittel der Werften bewerten ihre aktuelle Situation positiv. Bemerkenswert ist die Zuversicht: 96 Prozent der Betriebe erwarten eine gleichbleibende oder bessere Entwicklung. Allerdings gibt es auch hier ein klares Alarmsignal: Ausnahmslos alle befragten Werften (100 Prozent) betrachten die aktuellen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen als größtes Risiko für ihre Wettbewerbsfähigkeit. Auch die Arbeitskosten (79,7 Prozent) und die Energiepreise (53,6 Prozent) wiegen schwer.

Die Häfen: Stark in der Substanz, aber bedroht durch Investitionsstau

Die norddeutsche Hafenwirtschaft musste als einzige Sparte leichte Einbußen hinnehmen. Der Geschäftsklimaindex sank minimal um 0,5 Punkte auf 97,1 Zähler. Dennoch behaupten die Häfen damit das höchste Niveau aller maritimen Sektoren und liegen fast 20 Punkte über dem Vorjahreswert. Über 95 Prozent der Hafenbetriebe bewerten ihre aktuelle Lage als gut oder befriedigend, knapp 80 Prozent erwarten eine stabile oder positive Entwicklung.

Trotz dieser robusten Zahlen ist die Sorge vor strukturellen Defiziten groß. Wie im Schiffbau sehen auch in den Häfen die Unternehmen vor allem die Wirtschaftspolitik (78,4 Prozent) als größte Hürde. Es folgen die Arbeitskosten (73,2 Prozent), die Energiepreise (71,2 Prozent) und die schwindende Auslandsnachfrage (70,6 Prozent). Die Sorge ist begründet: Ohne moderne und leistungsfähige Häfen verliert der gesamte Wirtschaftsstandort Norddeutschland an Boden.

Der Milliarden-Weckruf an die Bundespolitik

Vor diesem Hintergrund formuliert die regionale Wirtschaft klare Forderungen an die Politik in Berlin. Die Infrastruktur der norddeutschen Häfen ist chronisch unterfinanziert. „Ohne intakte Kaimauern steht die Versorgungssicherheit auf dem Spiel“, warnt IHK-Nord-Chef Thomas Buhck eindringlich. Der Sanierungsstau in den Häfen gefährde nicht nur die regionale Wirtschaft, sondern die gesamte nationale Lieferkette.

Die IHK Nord fordert daher eine massive finanzielle Unterstützung durch den Bund. Konkret unterstützen die norddeutschen Kammern die Forderung nach 15 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen des Bundes, um den aufgelaufenen Sanierungsstau an den Kaimauern und Schleusen zügig abzubauen. Zudem reiche eine einmalige Finanzspritze nicht aus: Um die maritime Infrastruktur langfristig zu sichern und wettbewerbsfähig zu halten, sei eine dauerhafte Bundesbeteiligung von mindestens 500 Millionen Euro jährlich zwingend erforderlich.

Kommentar des „Norddeutschen Markts“: Jetzt handeln, bevor die Substanz wegbricht

Die Ergebnisse der IHK-Nord-Umfrage zeigen eine maritime Wirtschaft, die sich trotz widriger globaler Rahmenbedingungen behauptet. Unsere Werften, Reedereien und Hafenbetriebe leisten hervorragende Arbeit und sichern den Wohlstand im Norden. Doch dieser Erfolg basiert auf einer Infrastruktur, die zunehmend auf Verschleiß gefahren wird.

Wenn die Bundesregierung die Häfen weiterhin als reine Ländersache begreift, riskiert sie die wirtschaftliche Herzkammer Norddeutschlands. Die geforderten Milliardeninvestitionen sind keine Subventionen, sondern eine überfällige Investition in die Zukunft unseres Exportlandes. Berlin muss jetzt liefern – ehe die Kaimauern endgültig bröckeln.

Eigenständig verfasst von der NDM-Redaktion. Recherchegrundlage: Mitteldeutsche Zeitung. Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.

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