Freitag, 16. Oktober 2026

Maritime Wirtschaft

Maritime Wirtschaft stabilisiert sich: Norddeutsche Häfen und Werften fordern Kraftakt bei Infrastruktur

Die herbstliche Konjunkturumfrage der IHK Nord zeigt eine vorsichtige Stimmungsaufhellung im norddeutschen Schiffbau und der Schifffahrt, während die Hafenwirtschaft trotz hohem Niveau leichte Verluste verzeichnet. Angesichts globaler Handelsrisiken und maroder Kaimauern fordern die regionalen Kammern nun drastische Investitionen des Bundes in die maritime Infrastruktur.

Torben Gerdes

Von Torben Gerdes

Torben Gerdes ist unser Experte für Infrastruktur, Logistik und die Energiewende in der norddeutschen Wirtschaft. Er begleitet journalistisch den Wandel der Häfen hin zu modernen, grünen Logistik-Hubs. · · 3 Min.

Maritime Wirtschaft stabilisiert sich: Norddeutsche Häfen und Werften fordern Kraftakt bei Infrastruktur
Bild zur Meldung: Maritime Wirtschaft stabilisiert sich: Norddeutsche Häfen und Werften fordern Kraftakt bei Infrastruktur

Die maritime Wirtschaft im Norden atmet vorsichtig auf, doch von einer echten Trendwende kann an den Küsten zwischen Emden und Sassnitz noch keine Rede sein. Nach Monaten der Unsicherheit zeigt das aktuelle Konjunkturbarometer der IHK Nord, dem Zusammenschluss von 13 norddeutschen Industrie- und Handelskammern, ein gemischtes Bild. Während sich die Stimmung im Schiffbau und in der Schifffahrt im Vergleich zum Sommer leicht stabilisiert hat, trüben sich die Aussichten für die für den Norden so wichtigen Häfen geringfügig ein. Vor allem die ungelösten strukturellen Probleme im Inland und geopolitische Risiken belasten die Unternehmen.

Für die vorliegende Herbst-Umfrage wertete die Dachorganisation die Rückmeldungen von insgesamt 555 norddeutschen Unternehmen der maritimen Wirtschaft aus. Das Ergebnis zeigt: Die Betriebe kämpfen mit einem harten Spagat zwischen solider aktueller Auslastung und massiven Zukunftsängsten.

Schifffahrt und Schiffbau: Aufwärtstrend auf dünnem Eis

Den stärksten Zuwachs in der Unternehmerstimmung verzeichnet die Schifffahrt. Der Geschäftsklimaindex, der auf einer Skala von 0 bis 200 Punkten berechnet wird, kletterte um 6,7 Zähler auf nun 82,7 Punkte. Trotz dieses spürbaren Aufwinds bleibt der Wert weit hinter dem Vorjahresniveau von stolzen 108,5 Punkten zurück. Zwar bewerten rund 90 Prozent der Reedereien ihre aktuelle Lage als gut oder befriedigend, doch der Blick in die Zukunft ist von Pessimismus geprägt: Fast die Hälfte der Befragten (47,7 Prozent) rechnet mit einer Verschlechterung der Geschäfte.

Als größtes Risiko für die kommenden Monate identifizieren zwei Drittel der Reedereien die Auslandsnachfrage. Insbesondere die unberechenbare US-Zollpolitik und deren potenzielle Kettenreaktionen auf den globalen Warenumschlag verunsichern die Branche zutiefst. Hinzu kommen die im internationalen Vergleich hohen Arbeitskosten (32,2 Prozent) sowie die Volatilität der Energie- und Rohstoffpreise (45,7 Prozent), die die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Flotten belasten.

Ähnlich stabilisiert zeigt sich der Schiffbau. Der Index stieg hier um 1,5 auf 96,0 Punkte – ein deutliches Plus von fast zehn Punkten im Vergleich zum Vorjahr. Über zwei Drittel der Werften bewerten ihre gegenwärtige Auslastung positiv. Erstaunliche 96 Prozent der Betriebe erwarten, dass sich ihre Geschäftslage in Zukunft stabilisiert oder verbessert. Doch diese Zuversicht basiert auf einem fragilen Fundament: Ausnahmslos alle befragten Werftbetriebe sehen die aktuellen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland als Risiko Nummer eins. Auch hier schlagen die hohen Arbeitskosten (79,7 Prozent) und Energiepreise (53,6 Prozent) voll durch.

Hafenwirtschaft verliert leicht – bleibt aber wichtigste Säule

Einzig die Hafenwirtschaft musste in der aktuellen Umfrage Federn lassen. Ihr Index sank leicht um 0,5 Punkte auf 97,1 Punkte. Dennoch behaupten die Häfen damit den Spitzenplatz unter den maritimen Teilbranchen und liegen fast 20 Punkte über dem Vorjahreswert. Mehr als 95 Prozent der Umschlags- und Logistikbetriebe bewerten ihre Lage als gut oder befriedigend. Rund 80 Prozent gehen davon aus, dass dieses Niveau gehalten oder ausgebaut werden kann.

Doch auch an den Kaimauern wächst die Sorge vor den Rahmenbedingungen am Standort Deutschland. Für 78,4 Prozent der Hafenbetriebe stellt die Wirtschaftspolitik das größte Risiko dar, dicht gefolgt von den Arbeitskosten (73,2 Prozent) und den Energiepreisen (71,2 Prozent). Zudem fürchten rund 70 Prozent einen Einbruch der Auslandsnachfrage – ein deutliches Warnsignal für die exportorientierte deutsche Wirtschaft.

Weckruf aus der Wirtschaft: Milliardeninvestitionen dringend benötigt

Für Thomas Buhck, den Vorsitzenden der IHK Nord, zeigen die Ergebnisse deutlich, wo der Schuh drückt. Er warnt vor einem schleichenden Substanzverlust der norddeutschen Infrastruktur, der die gesamte Volkswirtschaft bedroht. „Ohne intakte Kaimauern steht die Versorgungssicherheit auf dem Spiel“, betont Buhck mit Blick auf die Ergebnisse. Die Häfen seien nicht nur regionale Arbeitgeber, sondern das logistische Rückgrat des gesamten deutschen Außenhandels.

Die IHK Nord stellt sich daher geschlossen hinter die Forderung, dringend benötigte Mittel freizugeben. Konkret geht es um 15 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen des Bundes, um den gewaltigen Sanierungsstau in den See- und Binnenhäfen endlich aufzulösen. „Zusätzlich braucht es eine dauerhafte Beteiligung des Bundes von mindestens 500 Millionen Euro jährlich, um die maritime Infrastruktur langfristig zu sichern“, so Buhck weiter.

Für die Landesregierungen im Norden und die Bundespolitik ist dieser IHK-Report ein klarer Arbeitsauftrag. Die maritime Wirtschaft zeigt sich trotz globaler Krisen robust – doch ohne verlässliche Infrastruktur und wettbewerbsfähige Energiepreise droht der Norden im internationalen Standortwettbewerb ins Hintertreffen zu geraten.

Eigenständig verfasst von der NDM-Redaktion. Recherchegrundlage: WELT. Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.

Weitere Meldungen