Freitag, 16. Oktober 2026

Maritime Wirtschaft

Hoffnungsträger Schiffbau, Sorgenkind Infrastruktur: Norddeutsche maritime Wirtschaft zwischen Aufwind und Kostenblock

Die herbstliche Konjunkturumfrage der IHK Nord zeigt eine spürbare Stimmungsaufhellung im norddeutschen Schiffbau und in der Schifffahrt, während die Häfen trotz hohem Niveau leicht einbüßen. Große Sorgen bereiten den regionalen Unternehmen jedoch unklare weltwirtschaftliche Rahmenbedingungen und ein massiver Investitionsstau bei der Hafeninfrastruktur.

Antje Peters

Von Antje Peters

Antje Peters berichtet seit über zehn Jahren über die Logistikbranche und die Entwicklung der großen deutschen Seehäfen. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Digitalisierung der maritimen Wirtschaft. · · 4 Min.

Hoffnungsträger Schiffbau, Sorgenkind Infrastruktur: Norddeutsche maritime Wirtschaft zwischen Aufwind und Kostenblock
Bild zur Meldung: Hoffnungsträger Schiffbau, Sorgenkind Infrastruktur: Norddeutsche maritime Wirtschaft zwischen Aufwind und Kostenblock

Die maritime Wirtschaft im Norden sendet im Herbst vorsichtig optimistische Signale. Laut der neuesten Konjunkturumfrage der IHK Nord hat sich das Geschäftsklima im Schiffbau und in der Schifffahrt spürbar verbessert. Doch hinter den glänzenden Fassaden der Erholung lauern handfeste Risiken: Steigende Kosten, geo- und handelspolitische Unsicherheiten und vor allem ein massiver Investitionsstau in den Häfen trüben den Ausblick. Für den Wirtschaftsstandort Norddeutschland steht viel auf dem Spiel.

Die IHK Nord, die als Zusammenschluss von 13 Industrie- und Handelskammern im Norden das Sprachrohr der regionalen Wirtschaft bildet, hat für ihre aktuelle Erhebung Ende September 555 Unternehmen befragt. Das Ergebnis zeigt ein vielschichtiges Bild. Während die Reedereien und Werften Boden gutmachen, verzeichnet die für die gesamte Logistikkette so wichtige Hafenwirtschaft als einzige Sparte einen leichten Dämpfer.

Schifffahrt: Erholung auf dünnem Eis

Den kräftigsten Sprung nach oben machte der Geschäftsklimaindex der Schifffahrt. Er kletterte um 6,7 Zähler auf nunmehr 82,7 Punkte. Das ist eine spürbare Entlastung für eine Branche, die in den vergangenen Monaten stark unter Druck stand. Dennoch ist dieser Wert mit Vorsicht zu genießen: Vor genau einem Jahr lag das Barometer noch bei deutlich komfortableren 108,5 Punkten.

Die aktuelle Lage bewerten rund 90 Prozent der Reedereien zwar als gut oder zumindest befriedigend. Doch der Blick in die Zukunft ist von tiefer Skepsis geprägt: Fast die Hälfte der Betriebe (47,7 Prozent) rechnet mit einer Verschlechterung der Geschäfte. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Zwei Drittel der Unternehmen sehen in der schwankenden Auslandsnachfrage das größte Risiko. Thomas Buhck, Vorsitzender der IHK Nord, bringt die Sorge der Reeder auf den Punkt: „Die Unsicherheit über die amerikanische Zollpolitik und ihre globalen Folgen für den Außenhandel ist nach wie vor erheblich.“ Hinzu kommen strukturelle Belastungen vor Ort: 60,4 Prozent der Befragten sorgen sich um die allgemeinen wirtschaftspolitischen Bedingungen, gefolgt von unberechenbaren Energie- und Rohstoffpreisen (45,7 Prozent) sowie steigenden Arbeitskosten (32,2 Prozent).

Schiffbau: Werften blicken stabiler in die Zukunft

Ein erfreuliches Signal kommt aus dem Schiffbau. Das dortige Konjunkturbarometer legte um 1,5 Zähler auf 96,0 Punkte zu – ein Plus von fast zehn Punkten im Vergleich zum Vorjahr. Mehr als zwei Drittel der Werften bewerten ihre aktuelle Geschäftslage als positiv oder stabil. Bemerkenswert ist hier der ausgeprägte Optimismus für die kommenden Monate: Sagenhafte 96 Prozent der Betriebe gehen davon aus, dass sich ihre Lage stabilisiert oder sogar weiter verbessert.

Doch auch dieser Aufschwung steht auf einem Fundament aus Herausforderungen. Ausnahmslos alle befragten Schiffbautriebe (100 Prozent) identifizieren die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen als ihr größtes Risiko. Die maritime Industrie im Norden leidet unter bürokratischen Hürden und fehlender Planungssicherheit. Zudem drücken auch hier die Arbeitskosten (79,7 Prozent) sowie die Kosten für Energie und Rohstoffe (53,6 Prozent) massiv auf die Margen der Betriebe.

Hafenwirtschaft: Klopfen an der Belastungsgrenze

Während Schiffbau und Schifffahrt zulegen, musste die Hafenwirtschaft als einziger Sektor einen kleinen Dämpfer hinnehmen. Ihr Geschäftsklimaindex sank minimal um 0,5 Punkte auf 97,1 Zähler. Dennoch steht die Branche im direkten Vergleich auf dem stabilsten Fundament: Sie verzeichnet den höchsten Indexwert aller drei Sparten und liegt fast 20 Punkte über dem Vorjahresniveau. Mehr als 95 Prozent der Hafenbetriebe bewerten ihre aktuelle Lage als gut oder befriedigend, und fast 80 Prozent erwarten eine Fortsetzung dieses Trends.

Trotz dieser scheinbar soliden Zahlen ist die Stimmung angespannt. Wie im Schiffbau bereiten auch den Hafenbetreibern die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen die größten Sorgen (78,4 Prozent). Dicht dahinter folgen die Belastungen durch Arbeitskosten (73,2 Prozent), Energie- und Rohstoffpreise (71,2 Prozent) sowie die Sorge vor einer nachlassenden Auslandsnachfrage (70,6 Prozent).

Infrastruktur im Fokus: Milliardenforderungen an den Bund

Die größte Baustelle der norddeutschen Wirtschaft liegt jedoch nicht in den Auftragsbüchern, sondern im Fundament der Häfen selbst. IHK-Nord-Chef Thomas Buhck findet hierzu deutliche Worte: „Ohne intakte Kaimauern steht die Versorgungssicherheit auf dem Spiel.“ Der jahrelange Sanierungsstau droht die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Seehäfen im Vergleich zur europäischen Konkurrenz in den Niederlanden oder Belgien dauerhaft zu beschädigen.

Die IHK Nord stellt daher eine klare und unmissverständliche Forderung an die Bundespolitik: Um den Sanierungsstau aufzulösen, müssen 15 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen des Bundes mobilisiert werden. Um den Erhalt und die Modernisierung der maritimen Infrastruktur auch langfristig zu sichern, sei zudem eine dauerhafte Bundesbeteiligung von mindestens 500 Millionen Euro jährlich zwingend erforderlich.

Für uns als regionales Wirtschaftsportal ist klar: Der Bund darf die norddeutschen Länder und die Hafenwirtschaft mit diesen Milliardenaufgaben nicht allein lassen. Die Häfen in Hamburg, Bremen, Wilhelmshaven oder Rostock sind keine rein regionalen Angelegenheiten – sie sind das logistische Herzstück der gesamten deutschen Exportwirtschaft. Wenn dieses Herz nicht mehr verlässlich schlägt, hat das Konsequenzen für Industrie- und Handelsplätze im ganzen Land.

Eigenständig verfasst von der NDM-Redaktion. Recherchegrundlage: Mitteldeutsche Zeitung. Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.

Weitere Meldungen