Freitag, 16. Oktober 2026

Regionalwirtschaft

Kurs auf den Notstand: Warum der Norden die Deponie Ihlenberg nicht opfern darf

Die geplante Schließung der Sondermüll-Deponie Ihlenberg stößt auf massiven Widerstand der norddeutschen Wirtschaft, die vor einem gravierenden Entsorgungsnotstand warnt. Da funktionierende Alternativen im Norden fehlen, drohen der regionalen Industrie erhebliche Logistikkosten und handfeste Wettbewerbsnachteile.

Hauke Paulsen

Von Hauke Paulsen

Hauke Paulsen berichtet seit über einem Jahrzehnt über die Entwicklung der norddeutschen Seehäfen und die maritime Wirtschaft. Er hat ein besonderes Auge für die Digitalisierung der Logistikketten. · · 3 Min.

Kurs auf den Notstand: Warum der Norden die Deponie Ihlenberg nicht opfern darf
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Die politische Entscheidung steht seit Jahren im Raum, doch je näher das Zieldatum rückt, desto lauter werden die Alarmglocken in der norddeutschen Realwirtschaft. Bis Ende 2035 will die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern die landeseigene Sondermüll-Deponie Ihlenberg im Landkreis Nordwestmecklenburg für hochbelastete Abfälle (Klasse DK-III) endgültig schließen. Umweltminister Till Backhaus (SPD) bekräftigte jüngst diese Linie: Nach Jahrzehnten der Einlagerung von jährlich bis zu 400.000 Tonnen Sondermüll seien nun »andere Bundesländer dran«. Doch was politisch nach einem lokalen Befreiungsschlag klingt, droht für die gesamte Industrie- und Logistiklandschaft zwischen Emden und Sassnitz zu einer schweren Belastungsprobe zu werden.

Ohne Ersatz droht der logistische Kollaps

Die Entsorgungsgemeinschaft (EG) Nord, ein starkes Bündnis aus mehr als 100 Abfallwirtschaftsbetrieben in Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, spricht bereits jetzt eine deutliche Warnung aus. Das Kernproblem: Es gibt schlichtweg keine Alternative. Die Errichtung einer neuen DK-III-Deponie im Norden ist derzeit weder geplant noch politisch durchsetzbar.

Erfahrungen aus ähnlichen Großprojekten zeigen, dass von der ersten Standortsuche bis zur Inbetriebnahme einer solchen Spezialdeponie mindestens 15 Jahre vergehen. Da das Aus für den Ihlenberg bereits in weniger als zehn Jahren vollzogen sein soll, klafft hier eine logistische und zeitliche Lücke, die sich nicht mehr schließen lässt. Auch der Verweis auf Kapazitäten in Berlin und Brandenburg greift zu kurz: Entsprechende Anlagen dort sind vertraglich und kapazitär für den Eigenbedarf der dortigen Bundesländer reserviert und stehen dem restlichen Norden nicht offen.

Ein fataler Wettbewerbsnachteil für die maritime Wirtschaft

Für den Wirtschaftsstandort Norddeutschland steht viel auf dem Spiel. Maritime Industrie, Chemieparks, Raffinerien und die Hafenwirtschaft sind auf eine funktionierende, bezahlbare und nahegelegene Entsorgungsinfrastruktur angewiesen. Bei Werftprojekten, Hafenbaggerungen oder der Sanierung von Altindustriestandorten fallen regelmäßig hochgradig belastete Abfälle an, die fachgerecht gelagert werden müssen.

Fällt der Ihlenberg weg, müssten diese Stoffe über Hunderte von Kilometern in den Süden Deutschlands transportiert werden. EG-Nord-Geschäftsführer Thomas Prenzer warnt eindringlich vor den Folgen: Dies wäre nicht nur ein logistischer Kraftakt, sondern auch wirtschaftlich extrem kostspielig. Höhere Transportkosten schmälern die ohnehin unter Druck stehenden Margen der norddeutschen Unternehmen. Zudem ist es ökologisch widersinnig, Tausende Lkw-Ladungen mit Gefahrgut quer durch die Republik zu schicken, nur um ein politisches Versprechen einzulösen. Hinzu kommt das politische Risiko: Es ist keineswegs gesichert, dass die südlichen Bundesländer, die selbst genau auf ihre Deponiekapazitäten achten müssen, den Müll aus dem Norden dauerhaft abnehmen würden.

Ökonomischer Widersinn zulasten des Landeshaushalts

Aus Sicht von Marktbeobachtern ist das geplante Aus auch betriebswirtschaftlich kaum nachvollziehbar. Die Deponie Ihlenberg gilt als eine der modernsten und sichersten Anlagen ihrer Art in ganz Europa. Warum eine funktionierende, hochmoderne Infrastruktur zerschlagen werden soll, um an anderer Stelle – unter enormen gesellschaftlichen und finanziellen Widerständen – ein neues Projekt zu starten, erschließt sich wirtschaftlich denkenden Akteuren nicht.

Hinzu kommt der finanzielle Aspekt für das Land Mecklenburg-Vorpommern selbst. Der Betrieb des Ihlenbergs ist ein hochprofitables Geschäft. Jährlich fließen rund vier Millionen Euro Gewinn in die Landeskasse – Gelder, die dringend für die ohnehin anstehende langfristige Nachsorge und Renaturierung der bestehenden Deponieflächen benötigt werden. Fällt diese Einnahmequelle weg, belastet das die ohnehin strapazierten öffentlichen Haushalte zusätzlich.

Pragmatismus muss vor Symbolpolitik gehen

Die Wirtschaft im Norden fordert die Landesregierung in Schwerin daher zu Recht auf, ihren Beschluss aus dem Jahr 2019 grundlegend zu überdenken. In Zeiten, in denen der Industriestandort Deutschland ohnehin mit hohen Energiepreisen und bürokratischen Hürden kämpft, darf die Entsorgungssicherheit nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden.

Für den »Norddeutschen Markt« ist klar: Ein starker Wirtschaftsraum braucht eine starke, autarke Infrastruktur. Die Schließung einer europäischen Vorzeige-Deponie ohne tragfähigen Plan B ist kein umweltpolitischer Meilenstein, sondern ein industriepolitischer Rückschritt. Die Politik in Schwerin sollte die Sorgen der Entsorger und der norddeutschen Industrie ernst nehmen und den Dialog für eine Laufzeitverlängerung oder eine modifizierte Weiternutzung eröffnen. Alles andere wäre ein vermeidbares Eigentor für den gesamten Norden.

Eigenständig verfasst von der NDM-Redaktion. Recherchegrundlage: NDR.de. Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.

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