Freitag, 23. Oktober 2026

Maritime Wirtschaft

Licht und Schatten an den Kaimauern: Maritime Wirtschaft trotzt der Krise, fordert aber Berliner Milliarden

Die maritime Wirtschaft in Norddeutschland zeigt sich laut der aktuellen IHK-Nord-Umfrage robust, kämpft jedoch mit geopolitischen Unsicherheiten und steigenden Kosten. Während Schifffahrt und Schiffbau im Aufwind sind, warnt die Hafenwirtschaft vor einem massiven Sanierungsstau und fordert Milliardeninvestitionen vom Bund.

Hauke Paulsen

Von Hauke Paulsen

Hauke Paulsen berichtet seit über einem Jahrzehnt über die Entwicklung der norddeutschen Seehäfen und die maritime Wirtschaft. Er hat ein besonderes Auge für die Digitalisierung der Logistikketten. · · 4 Min.

Licht und Schatten an den Kaimauern: Maritime Wirtschaft trotzt der Krise, fordert aber Berliner Milliarden
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Hamburg/Kiel/Rostock – Die maritime Wirtschaft ist das unbestrittene Rückgrat der norddeutschen Regionalwirtschaft. Umso aufmerksamer wird die halbjährliche Konjunkturumfrage der IHK Nord verfolgt, die als verlässlicher Fiebermesser für Häfen, Reedereien und Werften gilt. Die jüngsten Ergebnisse für den Herbst zeichnen ein Bild, das von bemerkenswerter Resilienz, aber auch von tiefen Sorgen geprägt ist. Während sich die Stimmung im Schiffbau und in der Schifffahrt spürbar aufgehellt hat, verharrt die Hafenwirtschaft zwar auf hohem Niveau, blickt jedoch mit Sorge auf eine bröckelnde Infrastruktur und unklare weltwirtschaftliche Rahmenbedingungen.

Reedereien atmen auf – trotz geopolitischer Gewitterwolken

Den stärksten Stimmungszuwachs verzeichnet die Schifffahrt. Der Geschäftsklimaindex dieser Sparte kletterte laut IHK Nord um 6,7 Punkte auf nun 82,7 Zähler. Das ist ein wichtiges Signal der Erholung, auch wenn der Wert immer noch deutlich unter dem Vorjahresniveau von fast 109 Punkten liegt. Für die norddeutschen Reedereien spiegelt sich darin eine temporäre Stabilisierung der Frachtmärkte wider: Rund 90 Prozent der befragten Unternehmen bewerten ihre aktuelle Geschäftslage als gut oder befriedigend.

Doch die Zuversicht ist fragil. Nahezu die Hälfte der Reedereien (47,7 Prozent) blickt mit Skepsis in die Zukunft und rechnet mit einer Verschlechterung der Lage. Der Grund liegt auf der Hand: Die Schifffahrt hängt wie kaum eine andere Branche am globalen Handel. „Die Unsicherheit über die amerikanische Zollpolitik und ihre globalen Folgen für den Außenhandel ist nach wie vor erheblich“, betont Thomas Buhck, Vorsitzender der IHK Nord. Zwei Drittel der Unternehmen sehen in der Auslandsnachfrage das größte Risiko. Flankiert wird dies von Sorgen über die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen im Inland sowie den anhaltenden Druck durch Energie-, Rohstoff- und Arbeitskosten.

Schiffbau: Auftragsbücher stabil, Frust auf die Politik wächst

Ein ähnlicher Trend zeigt sich im norddeutschen Schiffbau. Das Konjunkturbarometer für die Werften stieg leicht um 1,5 Punkte auf 96,0 Zähler – und liegt damit fast zehn Punkte über dem Vorjahreswert. Mehr als zwei Drittel der Betriebe beurteilen ihre aktuelle Lage positiv. Bemerkenswert ist vor allem der Zukunftsoptimismus: 96 Prozent der Werften gehen davon aus, dass sich ihre Geschäftslage stabilisiert oder sogar verbessert.

Diese Zahlen könnten ein Grund zur Freude sein, gäbe es da nicht einen alarmierenden Befund: Ausnahmslos alle befragten Schiffbaubetriebe (100 Prozent) sehen in den aktuellen wirtschaftspolitischen Bedingungen das größte Risiko für ihre Wettbewerbsfähigkeit. Es zeigt sich ein tiefer Graben zwischen der operativen Leistungsfähigkeit der Werften und dem Vertrauen in die politischen Rahmenbedingungen am Standort Deutschland. Hohe Arbeitskosten (fast 80 Prozent) sowie die Energie- und Rohstoffpreise (knapp 54 Prozent) belasten die Kalkulationen im internationalen Wettbewerb, insbesondere gegenüber staatlich subventionierten Konkurrenten aus Asien.

Hafenwirtschaft: Der Riese wankt nicht, mahnt aber dringend Sanierungen an

Als einziger Sektor musste die Hafenwirtschaft im Herbst leichte Einbußen hinnehmen. Der Index sank minimal um 0,5 Punkte auf 97,1 Zähler. Dennoch verteidigt die Hafenbranche damit den Spitzenplatz unter den maritimen Teilbereichen und liegt stolze 20 Punkte über dem Vorjahreswert. Über 95 Prozent der Hafenbetriebe bewerten ihre aktuelle Lage als gut oder zufriedenstellend, und vier von fünf Betrieben erwarten eine stabile oder bessere Entwicklung.

Hinter der robusten Fassade verbergen sich jedoch immense strukturelle Sorgen. Ähnlich wie im Schiffbau bereiten die politischen Rahmenbedingungen den Hafenbetrieben massives Kopfzerbrechen (78,4 Prozent sehen hier ein Risiko). Hinzu kommen die Arbeitskosten und die Energiepreise, die im internationalen Vergleich als Standortnachteil wahrgenommen werden.

Die Infrastruktur-Krise: Ohne Moos nichts los an der Kaimauer

Besonders deutlich wird die Kritik beim Thema Infrastruktur. Die IHK Nord schlägt hier Alarm. Die norddeutschen Häfen sind die Ein- und Ausfalltore für die gesamte deutsche Volkswirtschaft, doch die Substanz bröckelt seit Jahren. Thomas Buhck findet als Sprecher der norddeutschen Kammern deutliche Worte: „Ohne intakte Kaimauern steht die Versorgungssicherheit auf dem Spiel.“

Die wirtschaftliche Stärke der Region lässt sich auf Dauer nicht auf verschlissenen Fundamenten sichern. Deshalb fordert die IHK Nord mit Nachdruck finanzielle Schützenhilfe aus Berlin. Konkret geht es um eine Summe von 15 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen des Bundes, um den gewaltigen Sanierungsstau in den Häfen endlich aufzulösen. Doch mit einer Einmalzahlung ist es nicht getan. Um die Wettbewerbsfähigkeit der Häfen an Nord- und Ostsee langfristig zu sichern, fordert die regionale Wirtschaft eine dauerhafte Bundesbeteiligung von mindestens 500 Millionen Euro jährlich.

Fazit des Chefredakteurs

Die maritime Wirtschaft Norddeutschlands beweist in schwierigen Zeiten Charakter. Sie ist anpassungsfähig und operativ hervorragend aufgestellt. Doch die Signale aus der IHK-Nord-Umfrage sind unmissverständlich: Die Bundespolitik muss die Rahmenbedingungen im Inland dringend verbessern und die Häfen finanziell so ausstatten, dass sie im globalen Wettbewerb bestehen können. Ansonsten droht die maritime Erfolgsgeschichte des Nordens im Sanierungsstau steckenzubleiben.

Eigenständig verfasst von der NDM-Redaktion. Recherchegrundlage: Mitteldeutsche Zeitung. Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.

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