Freitag, 16. Oktober 2026

Hafenwirtschaft

Drogenkartelle im Visier: Wie der Schmuggeldruck auf kleinere Nordseehäfen steigt

Weil die Kontrollen in Hamburg und Bremerhaven greifen, weichen internationale Schmugglerbanden zunehmend auf kleinere Häfen aus. Für die norddeutsche Hafenwirtschaft und die regionalen Logistiker erwachsen daraus völlig neue Sicherheitsrisiken.

Sönke Möller

Von Sönke Möller

Als gebürtiger Ostfriese analysiert Sönke Möller die regionalen Wirtschaftsstrukturen im Norden mit besonderem Fokus auf die Energiewende und den Mittelstand. Er schätzt klare Worte und tiefgründige Recherchen direkt vor Ort. · · 4 Min.

Drogenkartelle im Visier: Wie der Schmuggeldruck auf kleinere Nordseehäfen steigt
Bild zur Meldung: Drogenkartelle im Visier: Wie der Schmuggeldruck auf kleinere Nordseehäfen steigt

Die norddeutschen Seehäfen sind die Herzkammern der regionalen Wirtschaft. Täglich werden hier Tausende Tonnen Güter für den globalen Markt umgeschlagen. Doch die maritime Infrastruktur steht unter permanentem Druck – nicht nur durch weltwirtschaftliche Verschiebungen, sondern zunehmend auch durch die organisierte Kriminalität. Bei der Vorstellung der Zollbilanz 2025 in Hamburg wurde ein Trend deutlich, der die gesamte Küstenregion alarmiert: Die großen internationalen Rauschgiftkartelle verändern ihre Routen und nehmen verstärkt kleinere und mittlere Seehäfen ins Visier.

Der Verdrängungseffekt an der Küste

Bislang konzentrierten sich die Fahnder vor allem auf die großen Container-Hubs in Hamburg und Bremerhaven. Doch der gestiegene Kontrolldruck zeigt Wirkung – und führt zu einer spürbaren Ausweichbewegung. Laut Nils Gärtner, dem Leiter des Zollfahndungsamts Hamburg, das für die gesamte deutsche Küstenlinie zuständig ist, geraten nun Häfen wie Wilhelmshaven, Emden und Brake in den Fokus der Kriminellen.

Die nackten Zahlen der Sicherstellungen spiegeln diese Dynamik auf den ersten Blick nur bedingt wider: Im gesamten Zuständigkeitsgebiet wurden im vergangenen Jahr rund 5,1 Tonnen Kokain sichergestellt, davon entfielen 3,6 Tonnen auf den Hamburger Hafen und 1,5 Tonnen auf Bremerhaven. Damit wurde das Rauschgift zwar fast vollständig in den beiden Metropolen abgefangen. Doch die Gesamtmenge ist im Vergleich zu den Vorjahren massiv gesunken. Zum Vergleich: Im Jahr 2024 entdeckten die Beamten noch 9,2 Tonnen Kokain, im Jahr davor waren es sogar 14,4 Tonnen.

Dieser Rückgang ist jedoch kein Grund zur Entwarnung. Vielmehr zeigt er, wie flexibel und hochprofessionell die Netzwerke agieren. Die Täter passen sich dem Druck des Zolls an. Statt riesiger Lieferungen in einzelnen Containern setzen sie nun verstärkt auf kleinere, gestückelte Ladungen, die schwerer aufzuspüren sind. Zudem greift ein Phänomen um sich, das der Zoll als „chemische Maskierung“ bezeichnet: Kokain wird mit legalen, pulverförmigen oder flüssigen Substanzen vermischt, um die Standardkontrollen zu überwinden, was im Nachgang aufwendige Laboranalysen erfordert.

Gefahr für die mittelständische Hafenstruktur

Besonders besorgniserregend für die Regionalwirtschaft ist die logistische Verlagerung auf das Meer und in kleinere Häfen. Laut Analysen der europäischen Polizeibehörde Europol organisieren Kriminelle zunehmend Übergaben auf offener See. Große Mutterschiffe aus Südamerika laden die illegale Fracht auf kleinere Boote um, die dann unauffälligere Häfen ansteuern.

Für kleinere Hafenstandorte in Niedersachsen und Schleswig-Holstein bedeutet dies eine neue Dimension der Bedrohung. Während Hamburg und Bremerhaven über hochgerüstete Sicherheitsapparate und spezialisierte Kontrollzentren verfügen, sind kleinere Terminals oft nicht im gleichen Maße auf diese Form der Kriminalität vorbereitet. Für die dort ansässigen Logistikdienstleister, Reedereien und Hafendienstleister steht viel auf dem Spiel. Ein einziger schwerer Vorfall kann den Ruf eines Standorts nachhaltig beschädigen und die mühsam aufgebauten Lieferketten regionaler Unternehmen empfindlich stören.

Sicherheitsrisiko Faktor Mensch: Die Masche mit dem „schnellen Geld“

Ein kritischer Punkt für die Hafenwirtschaft bleibt der Faktor Mensch. Die organisierten Banden suchen gezielt den Kontakt zu Beschäftigten in den Häfen. Die Masche ist perfide und beginnt oft harmlos: Erst wird nach einer harmlosen Containernummer oder einem Standort gefragt – gegen bar und ohne scheinbares Risiko. „Denn es lockt das schnelle Geld“, warnt Zollchef Gärtner. Wer jedoch einmal anbringe, gerate in eine Spirale aus Erpressung und Gewalt, aus der es kaum ein Entkommen gibt.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, wurde im Mai 2024 das Hafensicherheitszentrum an der Elbe ins Leben gerufen. Hier arbeiten Polizei, Zoll und die Hamburg Port Authority (HPA) Hand in Hand, um auch die Hafenwirtschaft aktiv zu sensibilisieren. Dieses Modell der engen Kooperation muss nach Ansicht von Branchenkennern dringend auch auf kleinere Standorte ausgeweitet werden. Nur wenn Terminalbetreiber, Speditionen und Behörden flächendeckend kooperieren, lässt sich die Integrität der Logistikkette sichern.

Politische Flankierung und Personalaufbau

Die Herausforderungen für den Zoll enden nicht an den Kaimauern. Nach der Sicherstellung beginnt oft erst die jahrelange Detailarbeit, um die Drahtzieher im Hintergrund zu ermitteln und deren finanzielle Strukturen zu zerschlagen. Dass der Bund die Relevanz einer starken Zollverwaltung erkannt hat, verdeutlicht die Ankündigung von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil, bundesweit 1.500 zusätzliche Stellen beim Zoll zu schaffen. Neben der Bekämpfung des Schmuggels steht dabei auch die Bekämpfung der Schwarzarbeit im Fokus – ein weiteres Thema, das die maritime Wirtschaft und den nachgelagerten Transportsektor direkt betrifft.

Für die norddeutsche Wirtschaft ist klar: Sicherheit ist kein weicher Standortfaktor mehr, sondern eine harte ökonomische Notwendigkeit. Die Verschiebung der Schmuggelrouten zeigt, dass die Küstenregion das Problem nur gemeinsam lösen kann. Ein Sicherheitsgefälle zwischen den großen Terminals und den kleineren Regionalhäfen darf es im Norden nicht geben.

Eigenständig verfasst von der NDM-Redaktion. Recherchegrundlage: Mitteldeutsche Zeitung. Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.

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