Die maritime Logistikkette in Norddeutschland gilt als eine der effizientesten weltweit. Doch genau diese dichte Infrastruktur gerät zunehmend in den Fokus internationaler Schmuggelkartelle, die ihre Strategien flexibel anpassen. Wie die aktuelle Bilanz des Zollfahndungsamts Hamburg zeigt, verlagern sich die Routen für illegale Transporte spürbar. Weil der Kontrolldruck in den beiden großen deutschen Container-Hubs – Hamburg und Bremerhaven – massiv zugenommen hat, weichen die Netzwerke auf kleinere und mittlere Seehäfen an der Küste aus. Besonders betroffen von dieser Ausweichbewegung sind die niedersächsischen Standorte Wilhelmshaven, Emden und Brake.
Nils Gärtner, der Leiter des Hamburger Zollfahndungsamts, das für die gesamte deutsche Küste zuständig ist, stellte diese Entwicklung im Rahmen der aktuellen Jahresbilanz klar dar. Für die regionalen Hafenbetreiber und Logistikdienstleister bedeutet dies eine neue Qualität der Bedrohung. Bislang galten die kleineren Terminals abseits der Elbe und Weser als vergleichsweise sichere Häfen im doppelten Sinne – nun müssen auch sie sich auf verstärkte Kontrollen und das Risiko krimineller Einflussnahme einstellen.
Neue Taktiken auf hoher See und chemische Maskierung
Dass kriminelle Organisationen die großen Terminals umgehen, ist kein Zufallsprodukt, sondern eine Reaktion auf die verschärfte Überwachung. Laut Berichten der europäischen Polizeibehörde Europol organisieren Banden vermehrt Übergaben auf offener See. Große Transatlantik-Frachter, sogenannte Mutterschiffe, übergeben die illegale Fracht noch vor dem Erreichen der Häfen an kleinere Boote, die dann unauffälligere Küstenorte oder kleinere Umschlagplätze ansteuern. Für die Fahnder bedeutet dies, dass sie nicht mehr nur die großen Containerterminals im Blick behalten müssen, sondern die gesamte norddeutsche Küstenlinie überwachen müssen.
Gleichzeitig verändern sich die Schmuggelmethoden technologisch. Zwar wurden im vergangenen Jahr im gesamten Zuständigkeitsbereich rund 5,1 Tonnen Kokain sichergestellt – ein deutlicher Rückgang im Vergleich zu den Vorjahren (2024: 9,2 Tonnen; 2023: 14,4 Tonnen) –, doch Entwarnung gibt der Zoll keineswegs. Die Täter agieren vorsichtiger, versenden kleinere Tranchen und setzen verstärkt auf die sogenannte chemische Maskierung. Dabei wird das Kokain mit legalen flüssigen oder pulverförmigen Substanzen vermischt, um die Standardtests des Zolls zu täuschen. Die anschließende Trennung der Stoffe erfordert aufwendige Laboranalysen und stellt die Ermittler vor logistische Herausforderungen.
Gefahrenpotenzial für die Hafenwirtschaft
Für die regionale Wirtschaft und die Betreiber von Hafenterminals birgt diese Entwicklung ein erhebliches Risiko. Wo Kriminelle versuchen, ihre Ware an Land zu bringen, suchen sie den direkten Kontakt zu den Beschäftigten in den Häfen. Nils Gärtner warnte in diesem Zusammenhang eindringlich vor den Methoden der Banden: „Zunächst lockt das schnelle Geld.“ Hafenarbeiter werden oft für scheinbar harmlose Gefälligkeiten angeworben – etwa die Weitergabe einer Containernummer oder Informationen über den Stellplatz eines Frachters. Wer jedoch einmal Geld von diesen Strukturen angenommen hat, gerät schnell in eine Spirale aus Erpressung und Abhängigkeit.
Um die Hafenwirtschaft vor dieser Unterwanderung zu schützen, wurde im Mai vergangenen Jahres das Hafensicherheitszentrum an der Elbe ins Leben gerufen. Hier arbeiten die Polizei, der Zoll und die Hamburg Port Authority (HPA) Hand in Hand. Das Ziel ist es, die Unternehmen der Hafenlogistik aktiv zu sensibilisieren und Sicherheitskonzepte direkt vor Ort zu stärken. Denn eine kompromittierte Lieferkette gefährdet nicht nur die Sicherheit, sondern beschädigt auch nachhaltig den Ruf eines Hafenstandorts im internationalen Wettbewerb.
Zoll im Strukturwandel: Bürokratie und Personalbedarf
Neben der Bekämpfung des Rauschgiftschmuggels steht die Zollverwaltung vor weiteren strukturellen Aufgaben, die auch die mittelständische Wirtschaft betreffen. Die anhaltende Flut von Billigimporten aus Drittstaaten, insbesondere im E-Commerce-Sektor aus China, bindet enorme Kapazitäten bei der Abfertigung. Um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden und gleichzeitig den Kampf gegen Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung im Transport- und Logistiksektor zu intensivieren, kündigte der Bund die Schaffung von 1.500 zusätzlichen Stellen beim Zoll an.
Melanie Schmaljohann, Leiterin des Hauptzollamts Hamburg, betonte, dass der verstärkte Personaleinsatz vor allem der Sicherung fairer Wettbewerbsbedingungen dient. Schwarzarbeit entzieht dem Sozialsystem nicht nur wichtige Beiträge, sondern verzerrt auch den Wettbewerb zulasten derjenigen Logistik- und Hafenunternehmen, die sich tarif- und gesetzeskonform verhalten.
Für die norddeutschen Seehäfen zeigt die Bilanz eines ganz deutlich: Sicherheit und Logistikleistung lassen sich im modernen Welthandel nicht mehr getrennt voneinander betrachten. Nur durch eine enge Kooperation zwischen den Sicherheitsbehörden und den privaten Terminalbetreibern lässt sich verhindern, dass die kleineren Häfen an der Weser- und Emsmündung zu Einfallstoren für die organisierte Kriminalität werden.

