Freitag, 23. Oktober 2026

Hafenwirtschaft

Ausweichrouten der Drogenkartelle: Kleinere Nordseehäfen geraten ins Visier

Weil der Kontrolldruck in den großen Seehäfen Hamburg und Bremerhaven massiv gestiegen ist, weichen internationale Schmugglerbanden zunehmend auf kleinere und mittlere Häfen aus. Für die mittelständische Hafenwirtschaft im Norden wächst damit die Gefahr von illegaler Einflussnahme und Erpressung.

Dr. Lars Petersen

Von Dr. Lars Petersen

Dr. Lars Petersen blickt beim 'Norddeutschen Markt' hinter die Kulissen der globalen Lieferketten. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Übergang der regionalen Industrie zur grünen Wasserstoffwirtschaft. · · 3 Min.

Ausweichrouten der Drogenkartelle: Kleinere Nordseehäfen geraten ins Visier
Bild zur Meldung: Ausweichrouten der Drogenkartelle: Kleinere Nordseehäfen geraten ins Visier

Die Logistikströme an der norddeutschen Küste stehen vor einer neuen, sensiblen Herausforderung. Während die großen Containerterminals in Hamburg und Bremerhaven ihre Sicherheitsvorkehrungen in den vergangenen Jahren massiv hochgefahren haben, reagiert die organisierte Kriminalität mit einer strategischen Ausweichbewegung. Internationale Rauschgiftbanden nehmen verstärkt kleinere und mittlere Seehäfen in den Fokus. Davon betroffen sind insbesondere die niedersächsischen Standorte Wilhelmshaven, Emden und Brake.

Dies geht aus der Bilanz des Zollfahndungsamtes Hamburg hervor. Für die mittelständisch geprägte regionale Hafen- und Logistikwirtschaft bedeutet diese Entwicklung eine wachsende Bedrohung, die nicht nur Sicherheitsabteilungen, sondern auch die Geschäftsführungen vor Ort fordert.

Sinkende Aufgriffe in Hamburg – Verlagerung an die Küste

Die offiziellen Zahlen des Hamburger Zolls scheinen auf den ersten Blick eine Entspannung zu signalisieren: Die Menge des sichergestellten Kokains im Hamburger Zuständigkeitsbereich sank im Jahr 2025 auf 5,1 Tonnen. Zum Vergleich: Im Jahr 2024 hatten die Fahnder noch 9,2 Tonnen aus dem Verkehr gezogen, im Jahr davor waren es sogar 14,4 Tonnen.

Nils Gärtner, Leiter des Zollfahndungsamts Hamburg, warnt jedoch eindringlich davor, dies als Entwarnung zu interpretieren. Die sinkenden Zahlen im Hamburger Hafen seien das direkte Resultat des gestiegenen Drucks vor Ort. Die Schmugglerbanden reagierten flexibel und verlagerten ihre Routen dorthin, wo sie weniger Kontrollen vermuten. Da das Zollfahndungsamt Hamburg für die gesamte deutsche Küste zuständig ist, müssen die Ermittler nun verstärkt kleinere Häfen überwachen, an denen Schiffe aus Südamerika anlanden.

Chemische Maskierung stellt Kontrollbehörden vor Rätsel

Neben der geografischen Verlagerung passen die Täter auch ihre Schmuggelmethoden an den Kontrolldruck an. Statt riesiger Lieferungen im zweistelligen Tonnenbereich setzen die Kartelle zunehmend auf kleinere, schwerer zu entdeckende Chargen.

Besonders besorgniserregend für den Zoll und die Logistikkette ist die sogenannte chemische Maskierung. Dabei wird das Kokain künstlich verändert und mit legalen, pulverförmigen oder flüssigen Substanzen vermischt. Für die Beamten vor Ort ist das Rauschgift so bei Routinekontrollen kaum noch detektierbar. Die Entdeckung erfordert aufwendige chemische Laboruntersuchungen, was die Abfertigungsprozesse in den Häfen verlangsamen und somit auch die Wirtschaftlichkeit der Umschlagbetriebe belasten kann.

Die Bedrohung der Belegschaft: Erpressung im Fokus

Ein zentraler Hebel für die Kriminellen bleibt der Faktor Mensch. Um Container unbemerkt durch die Hafentore zu schleusen, sind die Banden auf Insiderwissen angewiesen. Betroffen sind dabei zunehmend auch kleinere Standorte, an denen die familiäre Struktur der Betriebe bisher als Schutzschild galt.

Das im Mai 2024 eröffnete Hafensicherheitszentrum an der Elbe, in dem Polizei, Zoll und die Hamburg Port Authority (HPA) kooperieren, widmet sich intensiv der Prävention. Gärtner beschreibt die perfide Masche der Banden: Häufig beginnt der Kontakt harmlos. Hafenarbeiter werden für vermeintlich harmlose Informationen – wie den Standort eines Containers – mit schnellem Geld gelockt. Wer jedoch einmal angebissen hat, gerät schnell in eine Spirale aus Erpressung und Nötigung. Für Terminalbetreiber und Hafendienstleister entlang der gesamten Küste wird es daher immer wichtiger, ihre Mitarbeiter aktiv für diese Gefahren zu sensibilisieren.

Verstärkter Fokus auf Schwarzarbeit in der Logistikkette

Neben der Bekämpfung des Rauschgiftschmuggels zieht der Zoll auch die Kontrollen innerhalb der regulären Wirtschaft an. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil kündigte im Rahmen der Bundesbilanz an, dass der Zoll bundesweit 1.500 zusätzliche Stellen erhalten soll, unter anderem zur Bekämpfung von Schwarzarbeit.

Dies spüren die Unternehmen im Norden bereits deutlich. Das Hauptzollamt Hamburg hat im vergangenen Jahr die Kontrollen bei Arbeitgebern um fast ein Fünftel im Vergleich zum Vorjahr gesteigert und 547 Betriebe überprüft. Laut Melanie Schmaljohann, Leiterin des Hauptzollamts Hamburg, liegt der Fokus dabei auf Branchen mit traditionell niedrigerem Lohnniveau. Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung schaden nicht nur den Sozialkassen, sondern verzerren auch den Wettbewerb zulasten der tarifkonformen und rechtstreuen Logistik- und Hafenbetriebe in der Region.

Für die norddeutsche Hafenwirtschaft zeigt die aktuelle Bilanz eines deutlich: Sicherheit ist im globalisierten Handel kein lokales Phänomen mehr. Auch mittlere und kleinere Standorte müssen ihre Sicherheitskonzepte und die Sensibilisierung ihrer Belegschaften jetzt an die veränderte Bedrohungslage anpassen, um als verlässliche und sichere Knotenpunkte der deutschen Außenwirtschaft zu bestehen.

Eigenständig verfasst von der NDM-Redaktion. Recherchegrundlage: WELT. Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.

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