Freitag, 16. Oktober 2026

Hafenwirtschaft

Ausweichrouten an der Küste: Kleinere Häfen geraten ins Visier der Schmuggler

Weil der Kontrolldruck in Hamburg und Bremerhaven steigt, weichen internationale Drogenbanden zunehmend auf kleinere niedersächsische Seehäfen aus. Für die norddeutsche Hafenwirtschaft bedeutet diese Entwicklung wachsende Sicherheitsrisiken und einen erhöhten Aufwand beim Schutz von Lieferketten und Personal.

Sönke Petersen

Von Sönke Petersen

Sönke Petersen berichtet seit über fünfzehn Jahren über die maritime Wirtschaft und die Entwicklung der norddeutschen Seehäfen. Der gebürtige Kieler hat ein besonderes Auge für globale Lieferketten und die Infrastruktur der Küstenregionen. · · 3 Min.

Ausweichrouten an der Küste: Kleinere Häfen geraten ins Visier der Schmuggler
Bild zur Meldung: Ausweichrouten an der Küste: Kleinere Häfen geraten ins Visier der Schmuggler

Die norddeutschen Seehäfen sind das logistische Rückgrat der deutschen Exportwirtschaft und ein entscheidender Faktor für den Wohlstand der gesamten Region. Doch die globalen Lieferketten stehen unter einem ständigen Belastungstest – nicht nur durch weltwirtschaftliche Verwerfungen, sondern auch durch die organisierte Kriminalität. Aktuelle Daten des Zollfahndungsamts Hamburg zeigen nun eine besorgniserregende Entwicklung: Weil die Behörden den Kontrolldruck in den großen Terminals von Hamburg und Bremerhaven massiv erhöht haben, weichen internationale Rauschgiftbanden zunehmend auf kleinere und mittlere Hafenstandorte an der Küste aus. Für die regionale Hafenwirtschaft ist das eine neue, sensible Herausforderung.

Die Dezentralisierung des Risikos an der Küste

Nils Gärtner, der Leiter des Hamburger Zollfahndungsamts – das für die gesamte deutsche Küstenlinie zuständig ist –, warnte bei der Vorstellung der Bilanz 2025 vor dieser spürbaren Ausweichbewegung. Betroffen von der Verlagerung seien insbesondere niedersächsische Standorte wie Wilhelmshaven, Emden und Brake. Während die in Hamburg sichergestellte Menge an Kokain deutlich zurückging – von 14,4 Tonnen im Jahr 2023 über 9,2 Tonnen in 2024 auf nunmehr 5,1 Tonnen –, bedeutet dies keineswegs eine Entspannung der Gesamtlage.

Vielmehr zeigt sich hier ein klassischer Verdrängungseffekt. Für Häfen, die sich im harten internationalen Wettbewerb als spezialisierte Logistikhubs positionieren wollen, ist diese Entwicklung ein zweischneidiges Schwert. Sie rücken unweigerlich in den Fokus internationaler Ermittler – und gleichzeitig in den Fokus krimineller Akteure, die nach Schwachstellen im logistischen System suchen. Für die Betreiber der kleineren Terminals bedeutet dies, dass sie ihre Sicherheitskonzepte dringend anpassen müssen.

Chemische Maskierung und kleinere Chargen belasten die Logistik

Die Anpassungsfähigkeit der Schmuggler stellt den Zoll und die Hafenwirtschaft vor enorme logistische Aufgaben. Nicht nur die Geografie der Routen verändert sich, sondern auch die Methoden der Täter. Laut Gärtner reagieren die Banden auf den Kontrolldruck, indem sie kleinere Ladungen verschicken und vermehrt auf sogenannte "chemische Maskierungen" setzen. Dabei wird das Kokain mit legalen, pulverförmigen oder flüssigen Substanzen vermischt, um herkömmliche Detektionssysteme zu überwinden.

Für die Ermittler erfordert dies aufwendige Laboruntersuchungen, die viel Zeit in Anspruch nehmen. Aus Sicht der Hafenlogistik sind solche verdeckten Transporte ein erheblicher Risikofaktor: Jede Verzögerung bei der Freigabe von Containern blockiert Lagerflächen, verzögert nachgelagerte Transporte und verursacht zusätzliche Kosten für die Importeure. Die Effizienz der Lieferkette hängt damit direkt von der Schnelligkeit und Präzision der Kontrollen ab.

Schutz der Belegschaft: Prävention gegen Erpressung

Ein besonders brisantes Thema für die Hafenbetriebe ist die Sicherheit der eigenen Mitarbeiter. Um Container unbemerkt aus den Terminals zu schleusen, sind die kriminellen Netzwerke auf Insider angewiesen. Im Mai 2024 wurde deshalb an der Elbe ein Hafensicherheitszentrum eröffnet, in dem Polizei, Zoll und die Hamburg Port Authority (HPA) eng zusammenarbeiten. Ein zentrales Ziel ist es, die Hafenwirtschaft und ihre Angestellten über die Methoden der Banden aufzuklären.

Die Täter gehen dabei oft subtil vor: Zunächst lockt das schnelle Geld für vermeintlich harmlose Gefälligkeiten, wie das Durchgeben einer Containernummer. Wer jedoch einmal Geld angenommen hat, gerät schnell in die Spirale aus Erpressung und Nötigung. Für die norddeutschen Terminalbetreiber ist der Schutz der eigenen Belegschaft vor solchen Übergriffen zu einer Kernaufgabe des Risikomanagements geworden. Compliance-Schulungen und strenge Zugangskontrollen sind längst kein reines Formalisierungsmerkmal mehr, sondern betriebsnotwendige Schutzmaßnahmen.

Fairer Wettbewerb durch verstärkte Kontrollen

Neben der Bekämpfung des Rauschgiftschmuggels rücken auch klassische Wirtschaftsdelikte wieder stärker in den Fokus der Behörden, was für die ehrliche Wirtschaft im Norden von großer Bedeutung ist. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil kündigte jüngst an, bundesweit 1.500 zusätzliche Stellen beim Zoll zu schaffen, unter anderem um die Bekämpfung von Schwarzarbeit zu intensivieren.

Diese Schwerpunktsetzung macht sich auch in Hamburg bemerkbar. Melanie Schmaljohann, Leiterin des Hauptzollamts Hamburg, berichtete von einer deutlichen Erhöhung der Prüfquote. Im vergangenen Jahr kontrollierte das Hauptzollamt 547 Arbeitgeber – ein Zuwachs von fast einem Fünftel im Vergleich zu 2024. Schwarzarbeit verzerre den Wettbewerb massiv zuungunsten derjenigen Unternehmen, die sich an Tarifverträge halten und reguläre Sozialabgaben zahlen. Betroffen seien laut Schmaljohann fast alle Branchen, weshalb der Kontrolldruck flächendeckend hochgehalten werden müsse.

Fazit

Die maritime Wirtschaft im Norden steht vor der Herausforderung, Effizienz und Sicherheit neu auszubalancieren. Der Trend zeigt deutlich, dass kein Hafen an der deutschen Küste zu klein ist, um vom internationalen Schmuggel verschont zu bleiben. Nur durch eine noch engere Verzahnung von Logistikunternehmen, Hafenbehörden und dem Zoll lässt sich die Integrität und damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit der norddeutschen Hafenstandorte langfristig sichern.

Eigenständig verfasst von der NDM-Redaktion. Recherchegrundlage: WELT. Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.

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