Die Ströme der globalen Logistik bewegen sich nicht nur nach Marktgesetzen, sondern reagieren auch hochsensibel auf den Kontrolldruck der Sicherheitsbehörden. Dies zeigt die jüngste Bilanz des Zollfahndungsamts Hamburg für das Jahr 2025 mit aller Deutlichkeit. Weil der Ermittlungsdruck in den beiden deutschen Mega-Hubs Hamburg und Bremerhaven massiv gestiegen ist, weichen die international agierenden Drogenkartelle zunehmend auf kleinere und mittlere Seehäfen an der deutschen Nordseeküste aus. Für die regionale Wirtschaft in Niedersachsen und Schleswig-Holstein bedeutet dies eine neue, ernstzunehmende Sicherheits- und Reputationsherausforderung.
Laut Nils Gärtner, dem Leiter des Hamburger Zollfahndungsamts, sind insbesondere die niedersächsischen Hafenstandorte Wilhelmshaven, Emden und Brake von diesen Ausweichbewegungen betroffen. Das Zollfahndungsamt ist für die gesamte deutsche Küstenlinie zuständig und muss seine Überwachungsstrategie nun grundlegend anpassen. Relevanz besitzt inzwischen jeder Punkt an der Küste, an dem Frachter aus Südamerika anlanden können.
Sinkende Beschlagnahmemengen täuschen über Risiko hinweg
Auf den ersten Blick beruhigt die reine Statistik: Im vergangenen Jahr stellten die Beamten im gesamten Zuständigkeitsbereich rund 5,1 Tonnen Kokain sicher – davon 3,6 Tonnen im Hamburger Hafen und 1,5 Tonnen in Bremerhaven. Das ist ein drastischer Rückgang im Vergleich zu den Vorjahren, als noch 9,2 Tonnen (2024) und sogar 14,4 Tonnen (2023) aus dem Verkehr gezogen wurden. Doch die Ermittler warnen vor Trugschlüssen. Der Rückgang ist kein Beleg für ein Versiegen der Ströme, sondern zeigt die veränderte Taktik der Täter.
Die Schmugglerbanden agieren vorsichtiger und dezentraler. Statt riesiger Einzelladungen in den großen Containerhäfen setzen sie vermehrt auf kleinere Tranchen, die auf mehrere Standorte verteilt werden. Zudem setzen die Kartelle auf hochentwickelte chemische Maskierungen. Das Kokain wird mit legalen flüssigen oder pulverförmigen Trägersubstanzen vermischt, um die Detektion bei Stichproben zu verhindern. Erst nach dem Transport wird es in aufwendigen Verfahren wieder extrahiert. Für den Zoll bedeutet dies, dass Ladungen ohne konkrete Verdachtsmomente kaum noch rein visuell oder durch Standardtests erkannt werden können – hochkomplexe Laboruntersuchungen werden zum Standard.
Logistischer Wandel: Übergaben auf hoher See
Zusätzlich zu den Ausweichhäfen etabliert sich eine Logistikstruktur, die auch die europäische Polizeibehörde Europol mit Sorge beobachtet. Um die streng gesicherten Terminals ganz zu umgehen, organisieren die Kriminellen immer häufiger Drogenübergaben auf offener See. Große Transatlantik-Frachter, sogenannte Mutterschiffe, übergeben die illegale Ware noch vor Erreichen der Ausschließlichen Wirtschaftszone an kleinere, wendige Boote. Diese bringen das Rauschgift unauffällig an abgelegenen Küstenabschnitten an Land oder nutzen kleinere Regionalhäfen, die logistisch weniger stark überwacht werden.
Für die mittelständische Hafenwirtschaft an der Weser- und Emsmündung ist diese Entwicklung zweischneidig. Einerseits verzeichnen Standorte wie Wilhelmshaven durch moderne Infrastruktur und den JadeWeserPort wachsende Umschlagzahlen im regulären Geschäft. Andererseits rücken sie damit automatisch in den Fokus illegaler Netzwerke.
Innentäter im Visier: Die Gefahr der Korruption
Besonders sensibel ist das Thema Innentäter. Nils Gärtner betont, dass die organisierten Banden gezielt versuchen, Mitarbeiter der Hafenwirtschaft und der Logistikketten zu korrumpieren. Oft beginnt es harmlos: Für die bloße Weitergabe einer Containernummer oder eines Stellplatzes im Terminal wird schnelles Geld geboten. Doch wer einmal kooperiert hat, gerät schnell in eine Spirale aus Erpressung und Gewalt.
Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, wurde im Mai 2024 das Hafensicherheitszentrum an der Elbe ins Leben gerufen. Hier arbeiten Polizei, Zoll und die Hamburg Port Authority (HPA) Hand in Hand, um Reedereien, Terminalbetreiber und Logistikdienstleister zu sensibilisieren und präventive Schutzmaßnahmen zu etablieren. Diese enge Kooperation muss nun zügig auf die kleineren Standorte in der Fläche ausgeweitet werden.
Politische Flankierung und neue Zoll-Stellen
Die Bundespolitik hat die veränderten Anforderungen an die Grenzsicherung und die Abfertigung bereits auf der Agenda. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil kündigte jüngst an, dass der Zoll bundesweit um 1.500 zusätzliche Stellen aufgestockt werden soll. Neben der Schmuggelbekämpfung steht dabei auch die Bekämpfung von Schwarzarbeit und illegaler Beschäftigung im Fokus, um die Integrität der heimischen Wirtschaft zu schützen. Melanie Schmaljohann, Leiterin des Hauptzollamts Hamburg, bestätigte, dass der verstärkte Personaleinsatz spürbare Kontrollvorteile bringen wird.
Für den norddeutschen Mittelstand und die Hafenbetreiber ist klar: Sicherheit ist im internationalen Wettbewerb längst zu einem harten Standortfaktor geworden. Nur wenn die Sicherheitsbehörden und die private Hafenwirtschaft auch an den kleineren Küstenstandorten nahtlos kooperieren, lässt sich verhindern, dass der Norden zur logistischen Einflugschneise für die organisierte Kriminalität wird.

